Zu viel des Guten

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Tag 1

Zuerst war da der Schock. Dieser wich bald emsiger Betriebsamkeit. Irgendwann mischte sich so etwas wie ein kleines Fünkchen Freude darunter. Sie hätte jetzt endlich Zeit. Zeit für all das, was liegengeblieben war in den letzten Wochen. Aber erst einmal würde sie ausschlafen. Lange.

Tag 2

Sie hatte ausnahmsweise gut geschlafen. Vielleicht lag das daran, dass sie nun ein Zimmer für sich allein hatte und niemand da war, der sie störte. Nur sie allein. Sie würde Zeit haben, viel Zeit, um zu lesen, Zeit, um das Zimmer aufzuräumen und umzugestalten, unbeantwortete Post zu erledigen. Unendlich viel Zeit.

Tag 3

Morgens stand sie auf, als müsste sie zur Arbeit gehen. Ihr Körper hatte sich noch nicht daran gewöhnt, dass nun alles anders war. Also versuchte sie, geschäftig zu wirken und die Dinge auf der To-do-Liste abzuarbeiten. Doch irgendwie gelang ihr das nicht so richtig. Da war die über die Jahre angesammelte Müdigkeit, die auf ihr lastete. Und das Warten. Das Warten war zermürbend.

Tag 4

Gleich früh morgens war der Tatendrang allgegenwärtig. Heute würde sie die Welt niederreißen. Ganz bestimmt. Doch die Energie, die sie sich am Morgen noch einzureden versuchte, war am Nachmittag bereits einer melancholischen, fast depressiven Grundstimmung gewichen. Auch das Essen, das ihr in die kleine Zelle gereicht wurde, war nicht schlecht. Bloß hatte sie keine Lust darauf. Sogar der Appetit war ihr vergangen.

Tag 5

Es half ein wenig, die Gedanken aufzuschreiben. Und WhatsApp-Nachrichten zu verfassen. Und E-Mails. In dieser Situation schrieb sie sogar bereitwillig elektronische Nachrichten. Den Kontakt zur Außenwelt wollte sie nicht ganz verlieren. Dennoch trösteten sie die virtuellen Antworten nicht annähernd so, wie es die dringend benötigte Umarmung getan hätte. Keiner konnte sie trösten.

Tag 6

Trübsal zu blasen war nicht ihr Ding. Heute würde sie sich ein wenig körperlich betätigen. So versuchte sie den Hula-Hoop-Reifen zu schwingen, doch dafür war das kleine Zimmer zu schmal. Ein paar Yoga-Übungen gingen sich schon aus, aber irgendwie war das Ganze nur mühsam. Also ließ sie es nach ein paar kläglichen Versuchen wieder bleiben.

Tag 7

Nach einem kurzen, behördlich bewilligten Ausbruch in die Freiheit, fühlte sie neue Lebensenergie. Doch wohin sollte sie diese nur stecken?  Die Bücher könnte sie sortieren, nach Farbe dieses Mal. Dann ging es den Stiften an den Kragen. Kaputte Stifte landeten in der Rundablage, die anderen wurde ebenfalls farblich sortiert. Was sollte sie nun noch sortieren? Ihre Gedanken?

Tag 8

Nachdem sie die Zettel von A nach B, von B nach C und schließlich von C wieder nach A geschlichtet hatte, ließ sie es wieder bleiben. Zu den richtigen Ordnern hatte sie momentan keinen Zugriff, was nützte es also, hier großartig aufräumen zu wollen. Resigniert gab sie auf. Irgendwann begann sie die Bücher zu zählen, die sie am Vortag aneinandergereiht hatte. Und sie zählte die Minuten.

Tag 9

Sie könnte doch die Wände ein bisschen schöner gestalten. Also begann sie damit, in einer Ecke ein paar Blumen zu zeichnen, die sie später ausmalte. Doch mit dem kleinen Stückchen gab sie sich nicht zufrieden. Immer größer wurden die Pflanzen und Gewächse, die nun beinahe das ganze Zimmer einnahmen. Wasser bräuchte sie noch. Wasser, um all die Pflanzen zu gießen. Woher bekäme sie jetzt nur so viel Wasser?

Tag 10

Zu den Blumen hatten sich Schmetterlinge und Bienen gesellt, allerhand Insekten, die nun in ihrem Kopf herumschwirrten. Es half nichts, das Fenster zu öffnen. So kamen nur noch mehr von ihnen ins Zimmer herein und ließen sich nicht mehr verscheuchen.  Es war zum wahnsinnig werden, eine Invasion. Bevor sie drohte, verrückt zu werden, kam endlich die erlösende Nachricht: Sie durfte die Quarantäne endlich verlassen.

 

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